Donnerstag, 17. Mai 2018

Ganz schön clever

Wie geht GANZ SCHÖN CLEVER? GANZ SCHÖN CLEVER ist eine weitere Spielart des durch QWIXX sehr populär gewordenen Prinzips, alle Mitspieler an den Würfelwürfen des aktiven Spielers teilhaben zu lassen. Originell ist die Art, wie die Würfel den Mitspielern zugeteilt werden: Der Würfler würfelt zunächst mit sechs farbigen Zahlenwürfeln und nutzt exakt einen davon. Alle mit kleinerer Augenzahl gehen sofort in den Pool für die Mitspieler. Dasselbe nach dem zweiten und nach dem dritten Wurf. Sollten dann noch Würfel übrig sein, gehen sie ebenfalls an die Mitspieler.
Die Mitspieler wählen also aus den drei vom aktiven Spieler verschmähten Würfeln mit üblicherweise niedrigen Augenzahlen. Hohe Augenzahlen sind in GANZ SCHÖN CLEVER meist besser, da leichter einzusetzen.
Für jede der Farben (Weiß ist die Jokerfarbe) haben die Spieler auf ihrem Block einen Bereich, um dort Kreuze zu setzen oder Zahlen einzutragen. Alle Bereiche sind miteinander verknüpft. In Gelb kann ich mir Fortschritte für Blau, Orange und Grün erspielen, in Grün für Blau und Violett. Jeder Bereich folgt zudem anderen Regeln und jeder Bereich bringt Punkte. Meistens steigen sie bei überdurchschnittlichem Engagement stark an, was für Extremstrategien spräche. Allerdings kann man sich auch „Füchse“ freischalten. Und weil jeder Fuchs am Schluss so viele Punkte zählt wie der schlechteste Bereich, legt das nun wieder Ausgewogenheit nahe.


Was passiert? GANZ SCHÖN CLEVER ist ein Kennerspiel. Es gibt recht viele Regeln, an die ich meine Mitspieler gelegentlich auch wieder erinnern muss. Am Anfang hat man kaum eine Vorstellung, was man da eigentlich tut und worauf das Ganze hinauslaufen soll. Der Reiz offenbart sich nicht unbedingt schon in der ersten Partie.
Auch können die Wartezeiten lang werden, besonders zu viert, besonders gegen Ende. Denn zu diesem Zeitpunkt haben sich die Spieler mehrere Möglichkeiten freigeschaltet, um Würfe wiederholen zu dürfen. Im Finale werden die Würfel besonders gründlich durchgecheckt, alles abgewogen, Würfe wiederholt, und anschließend das Ganze noch mal und noch mal. Im Rahmen eines Kennerspiels finde ich die Wartezeiten vertretbar. Für das Spielerlebnis ist es allerdings besser, die Lernpartie nur solo oder zu zweit zu spielen.
Die Überlegungen, welchen Würfel ich nutzen sollte, fühlen sich neuartig an und sind nicht trivial. Welcher Würfel an sich mir am besten in den Kram passen würde, ermittle ich meistens noch recht leicht. Aber da sind ja obendrein die Umstände: Will ich im ersten Wurf unbedingt den Gelben und muss dafür drei andere in den Pool schieben, schränkten sich die Möglichkeiten für die Würfe zwei und drei beträchtlich ein. Und möglicherweise wäre ausgerechnet der violette Würfel futsch, den ich besonders gerne weiter dabeigehabt und bei passender Augenzahl noch später eingesetzt hätte.
Es geht also nicht nur darum, was ein Würfel mir direkt bringt. Sondern auch um das Opfer, das ich bringen muss, um ihn zu nehmen, oder das Risiko, das ich dabei eingehe. Und falls ich kann, achte ich natürlich auch darauf, dass ich meinen Mitspielern nichts allzu Gutes überlasse.
Es macht viel Spaß, GANZ SCHÖN CLEVER zu erforschen, die Wechselwirkungen der Farben zu erfahren und sich Strategien zurechtzulegen. Das System ist komplex genug, dass man es nicht sofort durchschaut und ein paar Feinheiten kluger Ankreuztechniken erst nach und nach erfährt. Gleichzeitig folgt es einfachen Prinzipien. Die Lernkurve ist deshalb hoch. Dies zusammen mit dem Zufall der Würfelzahlen sorgt für viele knifflige Abwägungen und viel Spannung.

Was taugt es? Gut, dass der beiliegende Aufschreib-Block recht viele Blätter enthält. So kann ich immer noch ein paar Partien spielen. Zu meiner eigenen Überraschung bin ich beständig scharf darauf, obwohl ich schon seit etlichen Partien keinen großen Strategiewechsel mehr vollzogen habe. Der Ehrgeiz, vielleicht noch ein paar Pünktchen herauszukitzeln, bleibt trotzdem konstant hoch. GANZ SCHÖN CLEVER vermittelt sehr clever das Gefühl, vieles in der eigenen Hand zu haben und mit ein klein bisschen Glück nächstes Mal noch etwas besser abzuschneiden.


****** außerordentich

GANZ SCHÖN CLEVER von Wolfgang Warsch, für einen bis vier Spieler, Schmidt.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Lieber Udo,

von dir bin ich feingeschliffene Texte gewohnt, nur aus diesem Grund komme ich jetzt mit ein paar kleinkarierten Anmerkungen zu dieser Rezension daher:

1) GANZ SCHÖN CLEVER hat m.E. keine Farbwürfel, es hat sechs verschiedenfarbige (Punkte-)Würfel. Farbwürfel sind oft in Kinderspiele wie z.B. GEISSLEIN, VERSTECK DICH! oder TEMPO, KLEINE SCHNECKE!

2) "Sondern auch um das Opfer, den ich bringen muss..."

3) Angabe von Autor und Verlag fehlt

Genug gemosert, deine Rezensionen machen meist richtig Spaß zu lesen, und vor allem: Ich kann mir das besprochene Spiel oft richtig gut vorstellen. Das ist im Internet eher eine Seltenheit, und da steckt bestimmt Arbeit dahinter!

Gruß

Wolfgang (Lehmann)

Martin Schmoll hat gesagt…

Prima,

Rezi gelesen und sofort angefangen zu recherchieren, wo ich das Spiel so schnell wie möglich bekomme.

Ein so kleines Würfelspiel mit solch einer Komplexität, Super.

Du hättest vielleicht erwähnen können, dass man das Spiel auch allein spielen kann.
(Macht das denn Spaß?)

Dann habe ich festgestellt, das es schon wieder ein Spiel von Wolfgang Warsch ist. Dessen "Die Quacksalber von Quedlinburg" habe ich mir nach dem ersten Spielen sofort gekauft und es ist mein Lieblingsspiel aus diesem Jahrgang.

Anschließend habe ich festgestellt, dass diese beiden Spiele Warschs plus "The Mind", welches ich auch für brillant halte und mir wohl zulegen werde, allesamt für das SPIEL DES JAHRES nominiert sind.

Drücke ihnen alle drei Daumen!

Grüße,

Martin Schmoll

Udo Bartsch hat gesagt…

Vielen Dank, Wolfgang, für deine Hinweise. Ich habe meinen Text angepasst. Fehler stören mich, deshalb freue ich mich, wenn man mich auf welche aufmerksam macht. (Pssst: Das darf aber gerne unauffällig per Mail geschehen, damit nicht eine Million Leser das mitbekommen.)

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