Samstag, 23. Dezember 2017

Heaven & Ale

Was könnte schöner sein: ein tolles Spiel spielen und dabei Bier brauen? Haha ... Weil ich als gestandener Eurogamer auf solche Versprechungen natürlich nicht mehr hereinfalle, hatte ich an HEAVEN & ALE keine besonderen Erwartungen. Und ich hatte Recht: Bier wird hier tatsächlich nicht gebraut, es fühlt sich nicht mal annähernd so an. Und ich hatte Unrecht. Das Spiel nämlich ...

Wie geht HEAVEN & ALE? Es ist ein Legespiel. Plättchen, die ich auf die helle Seite meines Tableaus lege, treiben – wenn sie aktiviert werden – meine Punktemarker voran, Plättchen auf der dunklen Seite bringen – wenn aktiviert – Geld. Die Krux ist eben das Aktivieren. Na ja, und die Punktemarker auch. Und, verdammt, das Geld.

Der Reihe nach: Fünf farbige Pöppel will ich auf ihrer Skala möglichst weit voranmarschieren lassen, denn am Schluss zählt von ihnen der schlechteste. Wie viel er zählt, hängt vom Voranschreiten meines Braumeisters ab. Im seltenen Bestfall erreicht er das Multiplikatorfeld 6. Steht mein schlechtester Farbpöppel auf der Fünf, sind das 6 x 5 = 30 Punkte. Weitere Punkte gewinne ich durch Fässer, die ich wiederum nach Erreichen bestimmter Spielziele einsammle.
Plättchen entnehme ich den Feldern eines Rundkurses, der von allen Spielern mehrfach durchlaufen wird. Jeder zieht so weit er möchte, allerdings immer nur vorwärts (wie beispielsweise auch in EGIZIA oder TUTANCHAMUN). Das erreichte Plättchen (Rohstoff oder Mönch) platziere ich sofort. Je höherwertiger, desto teurer ist es auch. Auf der hellen Seite zu legen, kostet den doppelten Preis.
Ebenfalls auf dem Rundkurs befinden sich „Wertungsscheiben“, und insbesondere sie liefern Gründe für gelegentliche größere Sprünge. Denn ich will werten. Oder ich muss es. Aus Geldmangel. Eine Farbwertung bedeutet, dass alle Plättchen dieser Farbe aktiviert werden und entsprechend ihres Wertes Schritte oder Geld bringen. Eine Mönchswertung bedeutet, dass alle Plättchen rund um diesen Mönch aktiviert werden (und Schritte oder Geld bringen). Jede der zehn möglichen Wertungen kann ich pro Spiel nur einmal machen. Aber im Regelfall bekomme ich ohnehin keine zehn Wertungsscheiben ab.


Was passiert? Man puzzelt unbedarft drauflos, und falls einem niemand vorab einbläut, dass man schnell pleite gehen kann, geht man schnell pleite. Und dann muss man was werten und will es eigentlich noch gar nicht.
Natürlich wertet man eine Farbe viel lieber, nachdem man zuerst viele Teile dieser Farbe legen konnte. Und natürlich wertet man einen Mönch lieber, wenn der Mönch komplett umbaut ist oder wenn man gar mehrere entsprechende Mönche besitzt. Aber hält man finanziell solange durch?
Und selbst wenn man Wertungen kunstvoll hinauszögert: Lässt man dann nicht viel zu viele Wertungsscheiben für die Konkurrenz liegen? Wer häufig wertet, schaltet sich Privilegkarten frei. Das Spielsystem belohnt also häufiges Werten, was den Run auf die Scheiben noch verschärft.
Zum Glück gibt es eine weitere Möglichkeit, Plättchen zu aktivieren: Jedes Tableau zeigt sieben „Scheunenplätze“. Umbaut man einen, aktiviert man bis zu vier der sechs umliegenden  Plättchen. Wie viele und welche, hängt von deren Gesamtwert ab. Also fängt man an, auch die genaue Positionierung der Teile zu bedenken: Die besten sollten direkt neben Mönchen liegen. Aber auch rund um die Scheunen kommt es drauf an: Erreicht die Scheune einen Wert von 12 bis 17, dann aktiviere ich zwei direkt gegenüberliegende Plättchen. Kommen Plättchen im Wert von 18 zusammen, aktiviere ich drei, die sich nicht gegenüber liegen.
Wenn man dann noch weiß, dass einige der Fässer bestimmte Scheunen- und Plättchenwerte erfordern, sind alle Zutaten für die totale innere Zerrissenheit beisammen: Ich will die perfekten Plättchen, ich will sie perfekt positionieren, ich habe aber gar nicht alle Informationen, um vorab zu wissen, welches die perfekte Position ist. Die Plättchen kommen in zufälliger Reihenfolge ins Spiel, die Mitspieler schnappen mir welche weg, für manche fehlt mir das Geld und an anderen muss ich schweren Herzens vorbeilaufen, um die nächste Wertungsscheibe zu ergattern.
Auf Basis eines unkomplizierten Sammel- und Legeprinzips ballert HEAVEN & ALE die Spieler mit Dilemmata, Zwängen und Nöten nur so zu. Und das ist: geiler Scheiß!
Die erste Partie brauchte ich, um zu verstehen, was das Spiel eigentlich von mir will. Ab Partie zwei aber war ich vom ersten bis zum letzten Zug voll unter Strom: Was liegt aus? Von welcher Plättchensorte kann ich erst mal ein bisschen was ansammeln? Wie lange reicht mein Geld? Wie schnell ziehen die anderen vorwärts? Kann ich noch ein Plättchen neben den Mönch legen und erst dann werten oder ist die Wertungsscheibe dann weg?

Was taugt es? HEAVEN & ALE enthält nichts Überflüssiges, es kommt genau auf den Punkt. Seit ich das Spiel besitze, habe ich es bei jeder Gelegenheit spielen wollen, habe es jeder Spielerunde aufgeschwatzt. Wie selten ein Spiel weckt HEAVEN & ALE meinen Ehrgeiz, mich verbessern zu wollen. Ich will das optimale Ergebnis schaffen – wissend, dass ich es nie erreichen werde.
Von meinen Mitspielern wird HEAVEN & ALE nicht ganz so sehr abgefeiert. Das Manko des Spiel ist sein vollkommen aufgesetztes Thema. Oft entsteht ja der allerletzte, entscheidende Kick durch die Geschichte, die das Spiel miterleben lässt. HEAVEN & ALE lässt nur eine Mechanik miterleben.


****** außerordentlich

HEAVEN & ALE von Michael Kiesling und Andreas Schmidt für zwei bis vier Spieler, eggertspiele.

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