Mittwoch, 22. März 2017

Vor 20 Jahren (38): Kohle, Kies & Knete

Erst als ich Ende 1995 nach Göttingen zog, lernte ich Spieler kennen, die ungefähr so waren wie ich. Vorher kannte ich nur so ... Teilzeitspieler. Also Menschen, für die es okay war, nur einmal pro Woche zu spielen. Sie hatten noch andere Interessen. Gleichberechtigt oder – pfui! – sogar übergeordnet.

Meine Göttinger Mitspieler waren anders. Sie wollten immer spielen. Mehrmals pro Woche? Kein Problem. Zu abwegigen Uhrzeiten? Kein Problem. Kurzfristig andere Sachen dafür absagen? Kein Problem. – So musste eine Spielerunde sein! Ich war im Paradies! Und vielleicht habe ich den Fehler gemacht, dies den Irdischen allzu deutlich mitzuteilen.

Eins der Spiele, die wir in Göttingen abfeierten, war KOHLE, KIES & KNETE, ein Verhandlungsspiel mit Karten. Jeder Spieler mimt hier einen Investor, beispielsweise Poldi Piepenbrok oder Theo Talerfeld. Wer am Zug ist, würfelt und landet unweigerlich auf einem Feld, das die Bedingungen für einen möglichen Geschäftsabschluss definiert. Beispielsweise: Die Investoren Piepenbrok und Talerfeld dürfen sechs Millionen unter sich aufteilen.
Der Spieler am Zug lehnt dies nun entweder ab und zieht drei Handkarten nach oder er eröffnet als „Boss“ den Deal und damit die Verhandlungen. Etwa so: „Ich, Poldi Piepenbrok, bekomme vier Millionen. Du, Theo Talerfeld, bekommst zwei.“

Das eigentliche Spiel beginnt jetzt. Denn da sind ja noch die Karten, mit denen man einfach mitten in die Verhandlungen platzt. Zack, könnte sich jemand mit „Thilo Talerfeld“ einklinken, dem angeblichen Onkel von Theo, und erklären, dass er anstelle von Theo schon für eine Million bereit stünde. Möglich, dass ihm Theo nun sofort eine „Auf Reisen“-Karte vor den Latz knallt. Doch vielleicht wehrt sie Thilo mit „Stopp“ wieder ab. Was sich leider als sinnlos erweist, denn plötzlich spielt jemand „Ich bin jetzt der Boss!“, outet sich zugleich als „Tony Talerfeld“ und bietet Poldi Piepenbrok, falls sie weiter im Boot bleiben möchte, statt der angedachten vier immerhin noch zwei Millionen ... und immer so weiter. KOHLE, KIES & KNETE war Party. In Göttingen.

In meiner monatlichen Heimat-Runde entwickelte sich ein enttäuschend lahmer Verlauf. Alle Geschäftspartner waren sich immer ganz schnell einig, keiner grätschte mit Karten dazwischen, es war brav und witzlos. Und ich hob an zu sagen: „Also, in Göttingen ...“ Und meine Spielerunde echote: „Ja, ja, wissen wir. In Göttingen machen alle Spiele viel mehr Spaß als mit uns!“

Oh! Da begriff ich: Ich hatte zu viel geschwärmt und vor allem an der falschen Adresse. Es war beleidigend für die, die sich das hatten anhören müssen.

Und deshalb tat ich es nie wieder. Amen.

Nachtragen muss ich noch, dass sich KOHLE, KIES & KNETE auch in Göttingen abnutzte, denn das Spiel hatte ein Problem: Als überlegene Strategie erwies es sich, das Blatt zu optimieren, abzuwarten und die anderen ihre Karten verpulvern zu lassen. Bedeutet: Die erfolgreichste Spielweise war leider diejenige, die die geringste Freude machte.
Sobald einer am Tisch sitzt, der wesentlich lieber gewinnen will, als vor allem Spaß zu erleben, wird KOHLE, KIES & KNETE doof.

5 Kommentare:

Knut-Michael Wolf hat gesagt…

An das Spiel habe ich eine besondere Erinnerung: Als Regelschreiber habe ich damit 7 Spielegruppen verschlissen. Heißt: Ich habe die Spielanleitung sieben Mal geschrieben. Und jedesmal brauchte ich eine neue Gruppe zum Testen.
KMW

Der Siedler hat gesagt…

Die Reihe "Vor 20 Jahren" mag ich ganz besonders, weil es hier nicht nur um Spiele geht, sondern vor allem um Erlebnisse. Das liest sich für mich nochmal interessanter.
Außerdem finde ich es natürlich super, in welcher Frequenz hier aktuell Beiträge erscheinen! Mehrmals pro Woche? Kein Problem. Zu abwegigen Uhrzeiten? Kein Problem. Kurzfristig andere Sachen dafür absagen? Kein Problem. – So musste eine Rezensionsseite sein!

Roland Siegers hat gesagt…

Ja, ja, die gute alte Zeit. Eigentlich hatte ich bei meinem Besuch bei Syd Sackson in New York ganz andere Vorstellungen von Spielen, die er mir vorstellen würde. Er hat mich damals mit diesem "chaotische" Spiel angenehm überrascht. Natürlich kann und konnte dieses Spiel nicht jedem gefallen. Wir haben es damals dennoch gewagt ... weil so "untypisch" Sackson war

Michael Kindel hat gesagt…

Ich hatte ähnliche Erfahrungen mit diesem Spiel. Ich habe meinen Spielgruppen nachgeplappert wie toll und lustig es einige Kritiker fanden. Schnell machten meine Mitspieler Züge die man nicht macht, wenn ein Spiel lustig sein soll.....
Das Spiel war zwischenzeitlich über 100 DM wert. Ich glaube es war in den USA ziemlich nachgefragt.

Anonym hat gesagt…

Auch ich habe dieselben Erfahrungen gemacht mit dem Brettspiel. Jetzt gibt es ja schon einige Jahre das "Kartenspiel" mit gleichem Namen. Weiß jemand zufällig von euch, ob das Problem hier behoben wurde?

Sonnige Grüße
Marc

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